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04.03.2006

Fehleinschätzungen etablierter Medien im Umgang mit Blogs

Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß sogenannte "etablierte Medien" sich mit dem Thema Blogging beschäftigen würden. Der anhaltende Weblog-Boom ist ja auch ein dankbares Thema, bedenkt man die seit Jahren bestehende Refinanzierungs- und Identitätskrise medialer Platzhirsche.

Dabei überschlagen sich "professionell agierende" Journalisten mit Prophezeiungen und Einschätzungen zur Daseinsberechtigung und Zukunft von Weblogs: da ist von vorübergehendem Hype, von Laienjournalismus, von mangelhaft recherchierten Beiträgen und Subjektivität und, nicht zuletzt von der Reichweite von Blogs die Rede.

Wer Weblogs Subjektivität vorwirft, hat nichts verstanden, denn Blogs sind subjektiv per definitionem, sie geben die Meinung eines Betreibers oder einer Gemeinschaft im Geiste wieder. Klassische Medien sind übrigens auch subjektiv, sie können nur diese Tatsache unter Vortäuschung journalistischer Objektivität und sprachlicher Gewandheit besser vertuschen, was ein Weblog-Betreiber - in der Regel - erst gar nicht versuchen wird. Bedenkt man zudem die Abhängigkeit etablierter Medien von Werbekunden und deren zuweilen verheerenden Auswirkung auf Berichterstattung und Pressefreiheit, so wird schnell klar, daß die viel zitierte Objektivität eher Wunschtraum und Fassade sein dürfte.

Das Totschlagargument saubere Recherche und Professionalität der Berichtserstattung kann ebenfalls nur Unwissende überzeugen, in Wirklichkeit haben etablierte Medien diesbezüglich längst ihre Unschuld verloren, geht man als positiv denkender Mensch davon aus, diese sei irgendwann einmal überhaupt vorhanden gewesen.
Der Vorwurf des Laienjournalismus ist angesichts der Authentizität und vielfältigen Darstellung einer großen Anzahl an Webautoren ebenfalls ein Scheinargument desillusionierter Journalisten, die narrative Unschuld und Spontaneität vieler Blogs wiegt sprachliche und strukturelle Unzulänglichkeiten bei weitem auf.

Die Fehleinschätzungen gipfeln schliesslich in an Hoffnung erinnernden Prophezeiungen (Link vermutlich nur beschränkt aufrufbar) hinsichtlich Lebensdauer und Zeitgeist des Phänomens, diejenigen die nichts verstanden haben, wünschen sehnsüchtig, es möge bald vorüber sein. Aber warum?
Es geht um Reichweite und Werbeeinnahmen, denn jeder User der Weblogs besucht und liest, liefert den etablierten Platzhirschen keine dringend benötigten Page-Impressions ab; somit wird die Präsenz dieser Webauthoring-Form zur potentiellen Bedrohung hilflos agierender Medienvertreter und Contentverwurstungs-Träumer. Es gibt zwar kaum Blogs, die mit einer ähnlichen Anzahl an Unique Visitors wie etablierte Medien aufwarten können, die Gesamtmasse und spektakuläre Wachstumsraten stellen für etablierte Online-Publikationen (aus deren Sicht) eine echte Bedrohung dar - an Weblogs "abgetretene" Besucher dürften sich wohl kaum als Werbe-Cashcows eignen.

Die Chance, die dieses ergänzende Medium bietet wird kaum verstanden, geschweige denn wahrgenommen; dabei können Blogs sowohl eine wichtige Quelle, wie auch eine Bereicherung für die gesamte Medienlandschaft sein, von einander lernen setzt aber voraus, über den eigenen Tellerrand schauen zu können.

Danke an Rick für den Hinweis.


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