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23.02.2007

Welt Online - Welt.de mit Relaunch und Online First

Welt.de hat nicht nur eine neues Gesicht bekommen, mit dem Relaunch wurden einige neue, interessante Funktionen hinzugefügt und einen neuen Anspruch definiert. Beim näheren Hinsehen, entpuppt sich allerdings 'Welt Online' als Paradies mit kleinen Fehlern.

Das neue Erscheinungsbild ist auf dem ersten Blick gefällig, die Benutzbarkeit ist mit gängigen Browsern unter Linux und Windows (bis auf Kleinigkeiten) gewährleistet. Der Auftritt wirkt übersichtlich, die saubere thematische Unterteilung und dazu gehörige Navigation führt (zumindest den geübten) Nutzer relativ schnell zum Ziel.
Bei näherer Betrachtung, erscheint jedoch Welt Online mehr als mangelhaft und ungekonnt realisiert: die Verwendung von XHTML 1.0 Transitional erfolgt dilletantisch, angesichts des großen Namens und dem damit verbundenen Budget und Anspruch, unakzeptabel. Nicht geschlossene Img-Tags und fehlende Alt-Attribute sind nur einige Stilblüten, die heutzutage eigentlich zum Handwerkzeug der Webprogrammierung gehören sollten - sollte man meinen.
Verweise auf nicht existierende Anker sind unsinnig und erhöhen ebenfalls nicht die Benutzbarkeit der Webseite. Elementare Fehler bei Breitenangaben in TDs, lassen den Begriff Webstandards und Barrierefreiheit ebenfalls in weiter Ferne rücken. Offenbar hat man bei der technischen Umsetzung die Aussagen von Ulrike Siedel (Welt.de vom 6 Dezember 2004) nicht in Betracht gezogen:

Wie können blinde Menschen die visuell funktionierende Technik nutzen? Wenn einige Grundregeln beim Programmieren von Web-Seiten beachtet werden, ist auch das möglich.

Qualitätsnormen und Einhaltung bestehender Standards im Web sind offensichtlich - auch bei renommierten Publizisten - noch nicht angekommen. Würde man im Printbereich derart dillentantisch vorgehen, bekäme man sämtliche Printausgaben vom Leser um die Ohren gehauen. Die Frage lautet: wissen sie es nicht, oder können sie es nicht? Oder sehen sie es nicht ein?

Dialog und Online First
Durch die neue Kommentarfunktion, soll der Leser zu einem regen Dialog animiert werden, Welt.de ist in der Welt der Interaktivität angekommen; allerdings nur bedingt, denn der am Ende eines jeden Artikels unscheinbar positionierte Link zur Kommentarfunktion wird sicher öfters übersehen. Darüber hinaus, werden vorhandene Kommentare nicht übersichtlich unter dem jeweiligen Artikel aufgelistet, der dialoginteressierte Nutzer kann etwaige Kommentare erst nach einem weiteren Klick auf den bereits erwähnten Kommentarlink einsehen. Chefredakteur Christoph Keese verkündet zum Thema Dialog:

Im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen Sie als Leser. Wir wollen uns von einem Sendemedium zu einem Dialogmedium wandeln. Ihre Wünsche fließen direkt in die Website ein. Sie können sich jederzeit Gehör verschaffen - entweder per Leserbrief an den Autoren oder per Kommentar im Artikel.

Die Zerstückelung der Kommentare über mehrere Seiten macht es aber den am Dialog interessierten Lesern nicht unbedingt leichter, den Diskussionsfaden zu verfolgen oder Aussagen anderer Teilnehmer zu zitieren. Diese Zerstückelung dient kaum der Übersichtlichkeit, vielmehr kommt der Verdacht auf, Welt.de verfolgt hierdurch eine Erhöhung seiner Page-Impressions, was ein kurzer Blick im Quellcode bestätigt: die Links zu den interaktiven Funktionen (Artikel versenden, Kommentar, etc.) sind mit einem onclick="return showArticleInteraction('comment');getIVW('ivw'); belegt - diese Zusatzklicks sollen unbedingt von der anerkannten Instanz IVW erfasst werden, um dadurch die Mediadaten von Welt.de hinsichtlich der generierten Page-Impressions aufzuhübschen ;-)

Das mit dem Relaunch ausgegebene Motto "Online First" (das heisst, der Printbereich geniesst jetzt nicht mehr die höchste Priorität) trägt dem Aktualitätsgedanken in der schnelllebigen Informationswelt Rechnung und wird sicherlich in den nächsten Jahren von anderen, sog. Leitmedien übernommen werden (müssen?).
Fazit: grosse Medienhäuser nehmen die Bedeutung des Internets immer mehr wahr - weil sie es kaufmännisch müssen. Das Prinzip der dialogbasierten Informationswirtschaft scheint sich auch nach und nach durchzusetzen, wenn zunächst auch etwas dürftig - ebenso wie die technische Umsetzung.


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