Die Übernahme der “Huffington Post” (HuffPo) durch AOL für 315 Millionen US-Dollar hat – parallel zu den lebhaften Diskussionen um die Qualität der Inhalte des US-Medienunternehmens Demand Media – die weltweite Debatte um die vermeintliche Qualität von Webinhalten weiterhin entfacht. Auch wenn im Zusammenhang mit der HuffPo, bisher der Begriff “Content Farm” (noch) nicht gefallen ist, so beschäftigt der Erfolg der Huffington Post sämtliche Online-Medien. Im Zentrum der Diskussionen: Der globale Vorwurf, bei der HuffPo könnte von “Qualitätsjournalismus” kaum die Rede sein, Arianna Huffington hätte es vielmehr meisterlich verstanden, “Originalinhalte” anderer Publikationen zu übernehmen, journalistisch und suchmaschinentechnisch geschickt zu verpacken und publikumswirksam zu platzieren. Die HuffPo erfüllt laut Meinung vieler US-Publisher nahezu sämtliche Kriterien für einen sogenannten Aggregator.
Bill Keller – Chefredakteur der New York Times – befasst sich in einer aktuellen Kolumne mit der Themathik und spart kaum mit Hohn und Seitenhieben in Richtung HuffPo:
The queen of aggregation is, of course, Arianna Huffington, who has discovered that if you take celebrity gossip, adorable kitten videos, posts from unpaid bloggers and news reports from other publications, array them on your Web site and add a left-wing soundtrack, millions of people will come.
Allerdings ist Bill Keller seit Jahren bekannt für seine konservative Einstellung zum Thema Journalismus und Publizistik, so hatte beispielsweise der streitbare Chefredakteur der NYT im Jahr 2007 behauptet, “Die staatsbürgerliche Aufgabe von Journalisten vor Ort kann nicht von Legionen Bloggern nachgeahmt werden, die mit gekrümmtem Rücken vor ihren Computerbildschirmen sitzen [...]“. Dass die meisten Blogger gar nicht den Anspruch erheben, die “staatsbürgerlichen Aufgaben” professioneller Journalisten zu übernehmen, hat Bill Keller weder damals noch heute interessiert. Polemik als Spiegelbild der Hilflosigkeit…
Arianna Huffington liess diese Polemik allerdings nicht unbeantwortet und wirft in einer vielbeachteten Replik ihrem Kollegen von der NYT Desinformation vor, nicht ohne süffisant einzuwerfen, die HuffPo, hätte 70 Prozent mehr Unique Visitors als die Online-Ausgabe der New York Times. Arianna Huffington argumentiert ihrerseits mit einer durch die moderne Technik veränderten Arbeitsweise von Journalisten und Online-Redakteuren:
And I think we are realizing now, increasingly, that online, purely online news operations like The Huffington Post are more and more adopting the most traditional, basic tenets of journalism. Accuracy, fairness, fact-checking, reporters, more and more editors, and mainstream traditional operations like the New York Times or NPR are adopting more and more of the digital tools that can bring in the community to make it part of the creation of journalism, through citizen journalism, through reports from the ground, through video, through Twitter feeds, through all the new media available to us.
Art und Inhalte dieser scharf geführten Diskussion offenbaren allerdings den erbitterten Konkurrenzkampf unter Online-Medien, wobei Bill Keller jegliche Souveränität vermissen lässt. Der Chefredaktuer der altehrwürdigen New York Times kann und will sich offensichtlich nicht damit abfinden, dass heutzutage der Rezipient entscheidet, was Qualitätsjpurnalismus und was Aggregator ist. Und wenn der Internetnutzer mit seinem Leseverhalten signalisiert, dass er einen vermeintlichen Aggregator mehr mag als einen bewährten Publizisten, dann sollte sich Bill Keller fragen, was in den letzten 10 Jahren bei der NYT schiefgegangen ist…