Seit zwei Jahren gehört das US-Magazin “Mother Jones” zu meiner täglichen Pflichtlektüre: Durchdachte, sehr gut recherchierte Artikel, ausführliche Hintergrundberichte und eine weitestgehend unabhängige und kritische Berichterstattung sind nur einige Alleinstellungsmerkmale dieser exzellenten Publikation. Das Magazin hat seit 2001 allein sechs Mal den Preis für General Excellence der “National Magazine Awards” gewonnen und dient mittlerweile für eine ganze Publisher-Generation als journalistisches Vorbild. Obwohl Mother Jones eher als linksgerichtet einzuordnen ist, wird der investigative und tiefgründige Charakter der Publikation, auch von der konservativen Konkurrenz respektvoll gewürdigt.
Erfolgreich im Web UND Print
Mother Jones ist ein seit 1976 bestehendes Non-Profit-Magazin, das dennoch kostendeckend arbeitet. Die verkaufte Auflage der Printausgabe – die alle zwei Monate erscheint – liegt derzeit bei ca. 250.000 Exemplare, die Online-Ausgabe verzeichnet aktuell ca. drei Millionen Unique Visitors mit 6,6 Millionen Pageviews pro Monat. Seit 2005 sind der Online-Ausgabe auch etliche Blogs angegliedert, die zu einem regen Meinungs- und Informationsaustausch zwischen Autoren und Leserschaft geführt haben.
Nun werden sich viele fragen, wie es denn sein kann, dass ein Non-Profit-Magazin profitabel arbeitet, während viele grosse Verlage und Medienunternehmen verzweifelt nach umsetzbaren Geschäfts- und Erlösmodellen für ihre Publikationen suchen. Einige Erklärungsansätze:
- Mother Jones betreibt von Anfang an sehr konsequent einen investigativen und kritischen Journalismus jenseits des Mainstreams, das bei vielen Rezipienten offensichtlich ankommt. Für diese Art des Journalismus, sind die Leser bereit zu bezahlen: Die Printausgabe kostet jährlich zwölf US-Dollar, es gibt aber hierfür ca. 250.000 Abonnenten.
- Online-Nutzer können das Magazin mit freiwilligen Spenden unterstützen, wovon auch viele Leser – wie man aus sicheren Quellen hört – Gebrauch machen. Dabei ist der Spendenaufruf keinesfalls penetrant und wirkt zu keinem Zeitpunkt störend oder gar als “Bettelbrief”.
- Die eingebundene Online-Werbung ist ebenfalls dezent gestaltet und gehört usability-technisch zum Allerbesten, was das Web-Publishing zu bieten hat. Hauptgrund: Sie lenkt weder von den Inhalten ab, noch stört sie beim Lesen der Beiträge.
- Klare und übersichtliche Struktur der Webpräsenz, eine ansprechende Mischung zwischen Bild und Text. Eine gelungene Umsetzung des “No-Frills”-Konzeptes, das die Inhalte in den Mittelpunkt rückt.
- Klare Ausrichtung – Mother Jones erreicht seine beachtliche Reichweite, indem das Magazin ein bestimmtes Publikum konsequent adressiert – Leser, auf der Suche nach intelligentem und kritischem Journalismus, mündige und weltoffene Bürger.
- Glaubwürdigkeit – Die Inhalte, Machart und Schreibweise der Artikel vermitteln nahezu durchgehend Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Kompetenz ihrer Verfasser.
Es ist kaum möglich, sämtliche Erfolgsfaktoren des Magazins aufzuzählen oder überhaupt zu erfassen, es kann sich aber für viele anspruchsvolle Publisher lohnen, einen genaueren Blick auf das Konzept und Umsetzung von Mother Jones zu werfen. Erfolgsmodelle lassen sich bekanntlich selten kopieren, als Vorbilder und Ideengeber taugen sie allerdings allemal.