25. Mai 2013

Über das Zeitungssterben und das Leben danach

zeitungssterben Über das Zeitungssterben und das Leben danachWenn eine Zeitung eingestellt wird, stehen die angestellten Redakteure und sonstige Mitarbeiter erst einmal auf der Strasse. Es wird öffentlich über ausgelassene Chancen des Verlegers diskutiert, über seine vermeintliche Engstirnigkeit und darüber, dass der Verlag keinerlei sinnvolle Online-Strategie rechtzeitig entwickelt hätte. Und viele Blogger meinen süffisant, es sei ja vorausehbar gewesen – schon bald würde es eh keine Printmedien mehr geben. Surreale Diskussionen um theoretische Risiken und Chancen, die die Hintergründe und das Schicksal der Beteiligten vollkommen außer Acht lassen.
Doch wie wirkt sich das seit geraumer grassierende Zeitungssterben auf das Leben der Redakteure aus? Wie verkraften ehemals angesehene Journalisten ihre Entlassung und wie wirkt sich dieses einschneidende Erlebnis auf ihre Lebensweise und -ziele aus?

In einem sehr interessanten Artikel, versucht sich John Temple – ehemals leitender Mitarbeiter der im Jahr 2009 eingestellten “Rocky Mountain News” – in einer Bestandsaufnahme zum weiteren Lebensweg der 194 entlassenen Redakteure. 92 Prozent haben zwei Jahre nach ihrer Entlassung wieder einen Job, was angesichts der aktuellen Printkrise in den USA, erstaunlich ist. Allerdings verdienen 70 Prozent der Befragten derzeit weniger als während ihrer Tätigkeit für die “Rocky Mountain News”. Viele Journalisten geben wiederum an, mit ihrem Leben – wenn aie auch weniger verdienen – sehr zufrieden zu sein:

While you might expect a correlation between income and how people feel about their lives, plenty of former Rocky employees making less money today said their lives are better now than when they were at the paper.

Und obwohl tagein, tagaus das Ende der Tageszeitungen prophezeit wird, arbeiten immer noch 63 Prozent der ehemaligen Rocky-Redakteure für eine Zeitung. Diejenigen, die sich beruflich anderweitig orientiert haben, geben an, von ihrer Lebens- und Berufserfahrung als Redakteur sehr stark profitiert zu haben: Analytisches Denken, gekonnte Recherche und ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten, seien in jedem Beruf von großem Vorteil.

Es ist nehezu unmöglich, die Gefühlswelt betroffener Redakteure nach einem “Entlassungsschock” wiederzugeben. Fest steht, dass am Anfang stets Fassungslosigkeit und Angst vorherrscht. Angst um die eigene existentielle Grundlage und Zukunftsunsicherheit. Auch wenn in den USA die Menschen generell eine Entlassung für nicht so dramatisch halten wie hierzulande, von Gelassenheit kann bei der momentan angespannten Lage der Branche, keine Rede sein. Betrachtet man das Zeitungssterben aus diesem Blickwinkel, erscheinen die weitestgehend theoretisch anmutenden Diskussionen um Verlagsstrategien in einer digitalisierten Welt, sehr surreal. Weil sie kaum das Schicksal der Redakteure berücksichtigen und weil sie zu spät geführt werden.

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